Predigt des Erzbischofs Henryk Hoser zum Festtag „Mariä Geburt“

In unserer Kultur besteht der Brauch, den Geburtstag als grundlegenden Teil unserer Persönlichkeit zu feiern. Dieses Datum ist sowohl in unserem Personalausweis, als auch in unserem Reisepass angeführt. Ab diesem Tag fängt die Zeit des Heranwachsens an. Nach diesem Datum richten sich später unsere Schulbildung, unsere berufliche Laufbahn und schließlich die Zeit des Ruhestandes.

Zusätzlich zum Geburtsdatum wird auch unser Geschlecht, mit dem wir auf die Welt kommen, vermerkt – ebenfalls ein wichtiger Bestandteil unserer Persönlichkeit. Der Geburtstag bietet auch eine Möglichkeit, sich an die familiäre Abstammung zu erinnern, an die Verwandten und die Vorfahren. Zur gleichen Zeit drücken wir im Hinblick auf unser Alter auch Wünsche für die Zukunft aus, für bestimmte Projekte und sogar Träume.

Hören wir uns die Worte Jesu über die Frau an: „Wenn die Frau gebären soll, ist sie bekümmert, weil ihre Stunde da ist; aber wenn sie das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an ihre Not über der Freude, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist.“ (Joh 16,21)

Wie groß war die Freude von Joachim und Anna, als sie nach Jahren des Wartens die Geburt ihrer Tochter erlebten, die sie ununterbrochen erfreut hat. Heute also feiern wir die Geburt der Heiligen Mutter Gottes. Was wissen über dieses Ereignis? Wir kennen nicht ihr genaues Geburtsdatum, genauso nicht das Geburtsdatum Christi, aber von den ersten Jahrhunderten des Christentums an, wird der Festtag Mariä Geburt alljährlich am 8. September gefeiert.

Wo wurde Maria geboren? Nach einer Überlieferung aus Jerusalem wurde sie in der Nähe eines ehemaligen Tempels, neben einem Fischteich beim Schaftor (Bethesda) geboren. Zum Gedenken daran wurde dort die Basilika der hl. Anna im romanischen Stil erbaut, die unter der Erde eine schöne und helle Grotte der Geburt Mariens birgt. Nach der gleichen Überlieferung, als Maria nicht mehr als ein paar Jahre alt war, übergaben sie ihre Eltern im Tempel des Herrn zum Dienste Gottes. Als sie alleine die Treppe des Tempels hinaufstieg, blickte sie nicht einmal zurück. Dies verwunderte die Zeugen dieses damaligen Ereignisses.

„Deine Geburt, Gottesgebärerin, bereitete der ganzen Welt Freude: Aus dir ging die Sonne der Gerechtigkeit hervor, Christus unser Gott.“, lautet es in der byzantinischen Liturgie und auch im Eingangslied der heutigen Messe hieß es: „Freudig feiern wir die Geburt der seligen Jungfrau Maria: Aus ihr wurde die Sonne der Gerechtigkeit Gottes geboren, Christus unser Gott.“

Liebe Brüder und Schwestern!

Es ist unmöglich, so ein großes Ereignis zu hoch zu bewerten. Dieses ist ebenfalls ein großes Mysterium unseres Glaubens. Der Geburt der Jungfrau Maria ging ihre Empfängnis voran, die auf zweifache Art verstanden werden kann. Zum einen wurde sie von ihren Eltern empfangen, dem hl. Joachim und der hl. Anna, in menschlicher Natur als ihr biologisches Kind, die schönste Blume menschlicher Art, als Frucht zahlreicher Generationen, so wie es uns die Evangelisten beschreiben.

Zum anderen war sie auch eine unbefleckte Empfängnis, ein schöpferisches Wirken Gottes. Erfüllt vom Heiligen Geist, wurde sie vom ersten Augenblick ihres Bestehens an zu einem neuen Geschöpf, frei von jeglicher Sünde und jeglichem Bösen. Gott prägte in ihre Seele seine Gestalt und sein Ebenbild ein, und diese konnte nichts in den Schatten stellen. Er erschuf ein Meisterwerk des Guten und der Schönheit, den Höhepunkt alles bis dahin Geschaffenen.

Der hl. Andreas von Kreta sagte einst: „Die Geburt der Muttergottes ist der Anfang, während die Erfüllung des Wortes Gottes das Ende ist, die vorbestimmte Vereinigung des Wortes Gottes mit dem Leib. Seht, die Jungfrau kommt auf die Welt, empfängt „Nahrung“ und nimmt Gestalt an, sie bereitet sich darauf vor Mutter Gottes zu werden, des Königs aller Zeiten.“

Die „neue Eva“ wurde empfangen und geboren, die Mutter aller Zeiten, und ihre Geburt war königlich: Eine Prinzessin kam zur Welt, dazu vorherbestimmt einmal eine Königin zu sein. Aufgenommen in den Himmel mit Leib und Seele, gekrönt zur Königin des Himmels und der Erde und alles Geschaffenen.

Sie ist die Königin der Menschheit und der Engel, Königin und Mutter Jesu Christi. Sie ist nicht nur unsere Patin bei der Taufe, sondern auch eine glaubwürdige Zeugin unserer Firmung und unserer Erstkommunion. Da sie von Beginn an voll der Gnade ist und für uns zum Heiligen Geist betet, verdanken wir ihr auch, den Heiligen Geistes im Sakrament der Taufe und Leib und Blut bei der Erstkommunion empfangen zu können.

Was bringen wir ihr als Geburtstagsgeschenk dar, als Geschenk eines dankbaren Herzens? Zuerst bringen wir ihr das Versprechen das vierte Gebot Gottes einzuhalten: Vater und Mutter zu ehren, denn auch Maria ehrte ihre Eltern und war ihnen gegenüber gehorsam. Sie war genauso gehorsam wie später Jesus ihr und dem hl. Josef gegenüber gehorsam war.

Wir bringen auch einen großen Wunsch mit, auf ihre Stimme zu hören und ihren Anweisungen zu folgen: Gemeinsam zu beten, das Herz dem Ruf Gottes zu öffnen, uns und unserem Umfeld Frieden zu bringen.

Möge ihr Titel „Königin des Friedens“ für uns eine Anweisung und eine Führung in einer Welt sein, die aus Streit und Zwietracht besteht.

Königin des Friedens, bitte für uns!

Amen. (fotos)