Kardinal Simoni sprach als Abgesandter des Papstes zu den Jugendlichen in Medjugorje

„Gehen Sie nach Medjugorje. Gehen Sie und verbreiten Sie die Frohe Botschaft.“, waren die Worte von Papst Franziskus an Ernest Kardinal Simoni, als dieser ihn im Juli um Erlaubnis bat, beim „Mladifest“ in Medjugorje sprechen zu dürfen. Der Kardinal aus Albanien, zu dem Papst Franziskus einmal sagte: „Bruder, du bist mein Heiliger!“, hat eine besondere Lebensgeschichte, über die er in diesem Interview mit Mario Vasilj in Medjugorje berichtet.
HE-Kardinal Simoni

Eminenz, darf ich Sie bitten, sich unseren Lesern vorzustellen?

Ich bitte Sie, nennen Sie mich nicht Exzellenz. Ich bin nur ein einfacher Diener Gottes, ein Brotkrümel. Nennen Sie mich lieber Ernest.

1928 wurde ich in Skadar in Albanien geboren. Als kleiner Bub spürte ich, dass ich von Gott gerufen bin, und mit 10 Jahren bin ich in das kleine Seminar eingezogen. Schon als Student an der theologischen Fakultät in Skadar habe ich die Peitsche des kommunistischen Regimes zu spüren bekommen. Bevor ich zu studieren beginnen konnte, wurde ich zum Heeresdienst eingezogen, der zwei Jahre dauerte. So hoffte man, mich von meiner Berufung, Priester zu werden, abzubringen. Ich habe ihre Taktik durchschaut und mir vorgenommen, in allem ein Vorbild zu sein, im Umgang mit den anderen und bei der Arbeit. Ich war ein ausgezeichneter und präziser Schütze, was im Bundesheer sehr wichtig war. So wurde ich von ihrem Feind zu jemandem, den sie mochten. Nach dem Bundesheer studierte ich Theologie und beendete das Studium 1956. Noch in diesem Jahr wurde ich auch zum Priester geweiht. Danach wurde ich als Kaplan der Pfarre in Skadar zugeteilt, und danach wurden mir fünf Nachbarpfarren anvertraut. Als junger Priester haben mich besonders die Jugendlichen beeindruckt, die damals mit großer Sehnsucht und großem Eifer zur Messfeier, zum gemeinsamen Gebet und der Eucharistischen Anbetung gekommen sind. Das waren sehr harte Zeiten, in denen das kommunistische Regime eine Mauer zwischen die Jugendlichen und die Kirche stellen wollte. Zur großen Freude rannten die jungen Leute nicht dieser Ideologie nach, sondern blieben Gott und ihrer Kirche treu. Das Gefühl, dass ich etwas Gutes dazu beitragen durfte, hat mich in meiner priesterlichen Berufung sehr bestärkt.

Wie ist es gläubigen Menschen unter dem kommunistischen Regime ergangen?

Überall, wo das kommunistische Regime herrschte, wurde die Kirche verfolgt, weil sie ein Gegenpol zu dessen Ideologien war. Das Regime in Albanien ging allerdings noch einen Schritt weiter. Im Jahr 1967 wurde Albanien durch ein offizielles Dekret von Enver Hoxha als kommunistisches Land proklamiert. Die Zeit, die danach folgte, war von Verfolgung, Folter, Tötung von Christen, Zerstörung der Kirchen und Schändung der Heiligtümer gekennzeichnet. Das besondere Ziel waren die katholischen Priester, von denen viele wegen ihrer Treue zu Christus und zur Kirche getötet wurden.

Das Martyrium ist auch Ihnen nicht erspart geblieben.

Ich wurde im Jahr 1963 verhaftet, das heißt vier Jahre vor diesem Dekret. Da ich in mehreren Pfarren tätig war, hatte ich natürlich Kontakt mit vielen Menschen. So fürchtete die Regierung, dass ich andere gegen sie aufhetzen könnte. Nach der Feier der Mitternachtsmette kamen Männer vom Geheimdienst, legten mir Handschellen an und führten mich ab.

Wurde Ihnen dann der Prozess gemacht?

Ja. Ich möchte zuerst von zwei unerklärlichen Ereignissen berichten, die mir vor meiner ersten Verhaftung widerfahren sind:

Das erste ereignete sich während der Heiligen Messe in einer Pfarre. Als ich die Hostie bei der Wandlung hochhob, erkannten die Leute in der Kirche darin das Gesicht des heiligen Antonius. Ich selber habe es nicht gesehen. Aber als ich meinem Bischof davon berichtete, sagte er mir, dass ihm das gleiche von einer hl. Messe im Heiligtum des Hl. Antonius in Lac erzählt worden war.

Dann ereignete sich ein schwerer Unfall: Ein moslemischer Bub stürzte aus einem Fenster im dritten Stock und verletzte sich dabei lebensgefährlich. Im Spital in Tirana, in das er gebracht worden war, gaben ihm die Ärzte keine Überlebenschancen. Weil ich mit der Familie des Jungen befreundet war, rannte ich in das Krankenhaus, um sie zu trösten. Der Vater des Buben bat mich, über seinem Sohn ein Gebet zu sprechen. Und zur Überraschung aller wachte der Bub auf und verlangte nach Essen. Wir waren alle sehr verwundert und dankten Gott für seine große Barmherzigkeit. Seine Mutter wiederholte ununterbrochen den Satz: „Mein Sohn war tot und jetzt ist er auferstanden.“ Nach diesem Ereignis beobachtete ich öfter, wie seine Eltern auf Knien Gott, der Muttergottes und dem Heiligen Antonius in meiner Kirche für das Geschenk des Lebens ihres Kindes dankten. Und gerade dieses Ereignis alarmierte die Regierung und stand als Begründung in meiner Akte. Sie dachten, ich hätte bestimmte Fähigkeiten. Auch warfen sie mir vor, Kontakte zu anderen Geheimdiensten zu haben und ein Agent von Titos Regime zu sein. So quälten sie mich drei Monate lang nach meiner Verhaftung, dass ich zugäbe, wessen sie mich beschuldigten.

Immer hatte ich öffentlich gewirkt und hatte nichts zu verbergen. Der Prozess gegen mich war politisch motiviert. Ihre Methoden waren teuflisch. Obwohl meine Verurteilung schon feststand, fehlte ihnen noch das Geständnis. Doch hätte ich ihren Vorwürfen zugestimmt, dann hätte ich mich selbst belogen, und das konnte ich nicht tun. So war ich bereit, den Märtyrertod für die Wahrheit zu erleiden.

Auch in schwerster Gefangenschaft haben Sie nicht aufgehört, die Hl. Messe zu feiern.

Ja, auch wenn es lebensgefährlich war. Ich fand immer einen Weg, die Heilige Messe zu feiern. Denn wenn der Priester an einem Tag die Messe nicht feiert, ist er verloren. Die Heilige Messe feierte ich auf Latein. Die Begeisterung der moslemischen Gefangenen, die die Messe mitfeierten, berührte mich besonders. Während ich die Heilige Messe feierte, weinten sie oft. Viele sagten mir, dass sie dabei eine besondere Nähe Gottes verspürt hätten. Aber es gab auch andere, die sagten: „Es klingt schön, was er spricht, aber man sieht, dass er den Verstand verloren hat.“

Woher hatten Sie die Hostien und den Wein für die Messfeiern?

Mit mir in der Zelle war ein moslemischer Mitgefangener, dem seine Frau immer wieder zu Besuch Trauben mitbrachte. Er aß diese nicht, sondern gab sie mir. Diese Trauben haben wir zerdrückt und aus ihnen Wein gemacht, und die Hostien machten wir aus dem wenigen Brot, das wir zu essen bekamen.

Im Jahr 1973 wurden Sie wieder vor Gericht geführt und zu Tode verurteilt?

Sie durften mit mir alles machen, was sie wollten. Die Verurteilung war wegen eines Aufstandes im Gefängnis. Dabei hatte ich mit diesem Aufstand gar nichts zu tun. Es wäre auch nicht meine Art gewesen, mich gegen das System zu wehren. Dank Gottes großer Vorsehung konnte ich beweisen, dass ich unschuldig war. Leider wurden vier Kameraden wegen dieses Aufstandes getötet. Statt Tod durch Erhängen bekam ich lebenslange Haft.

Im selben Jahr erschien die Gottesmutter in Akita. Für uns Gefangene war diese Nachricht eine große Freude, denn während die Muttergottes weinend die Menschheit zu Bekehrung und Versöhnung mit Gott rief, waren wir selig, dass auch wir etwas in seinem Namen erleiden durften.

Können Sie uns kurz einen Tag im Gefängnis schildern?

Ich kann es nicht. Wer das nicht selbst erfahren hat, kann es nicht verstehen. Die ganze Zeit über trösteten mich die Worte, die auch der Heilige Franziskus immer wiederholte: „Sorgt euch nicht um morgen, darum wird sich euer himmlischer Vater kümmern.“ Meine Tage im Gefängnis bestanden aus schwerer Arbeit und dem Gebet des Rosenkranzes.

Wie lange waren Sie im Gefängnis?

Ich wurde 1981 freigelassen. Bis zum Jahr 1990 arbeitete ich dann geheim als Priester.

Wie geschieht jetzt die Erneuerung der katholischen Kirche in Albanien?

Für Albanien gilt der Spruch: „Das Blut der Märtyrer ist der Samen der neuen Christen.“ Die Kirche in Albanien erholt sich. Papst Franziskus hat im Juli dieses Jahres drei neue Bischöfe für Albanien ernannt. Das ist ein sehr großes Ereignis für unsere Kirche. Es sind drei Bischöfe der neuen Generation. Im Jahr 2016 wurden 38 Katholiken seliggesprochen, die von der kommunistischen Diktatur gequält und getötet wurden. Mich hat in Wirklichkeit niemand gefragt, ob ich jemanden vorschlagen möchte, aber ich bin sicher, dass es neben diesen seliggesprochenen noch unzählige weitere Märtyrer gibt. Heute leben in Albanien 13% Katholiken, 40% Muslime, 20% Orthodoxe und leider noch ein großer Anteil derer, die sich als Atheisten deklarieren.

Unter den 17 neu kreierten Kardinälen vom 19. November 2016 befand sich auch Ihr Name. Besser Informierte denken, dass der Papst seine Entscheidung über Ihre Ernennung schon im Jahr 2014, nachdem er Ihr Lebenszeugnis gehört hatte, getroffen hatte.

Das kann sein. Papst Franziskus hat im Jahr 2014 Albanien besucht und bei dieser Gelegenheit mein Lebenszeugnis gehört. Als ich mein Zeugnis beendet hatte, ging ich zu ihm, um seine Hand zu küssen. Er aber kam mir zuvor und umarmte mich mit den Worten: „Bruder, du bist mein Heiliger!“

Ich denke, dass der Nuntius in Albanien und die Stimme des Volkes, das miterlebt hat, was wir während des Kommunismus erlitten hatten, einiges zur Entscheidung des Papstes beigetragen haben.

Die Gläubigen in Albanien erzählen über Ihre Gabe der Heilung.

Ich diene nur meinem Volk. Gott allein heilt und macht alle gesund.

Immer weider sprechen Sie von derWichtigkeit des Rosenkranzgebetes.

Das Wirken des Rosenkranzes ist unermesslich. Selbst der Teufel sagt, dass der Rosenkranz sein größter Feind ist. Das Rosenkranzgebet zerstört nicht nur seine Pläne, sondern auch die Hölle.

Was sind Ihre Erfahrungen von Medjugorje?

Es hat mir damals gewaltig imponiert, als Papst Johannes Paul II. sagte: „Wenn ich nicht Papst wäre, würde ich gleich nach Medjugorje fahren.“ Das war für mich eine Einladung, selber einmal an diesen besonderen Ort zu kommen.

Noch ein Schlusswort?

Aus „Glasnik Mira“, 2017/9. Deutsche Übersetzung: Therese Stelzer